Hochwasserschutz Hagenbach … wo bleibt der Totholzrechen?

Seit langem – zumindest aber seit Publikation der Hagenbachstudie im Jahr 2010 – weiß man, dass die Errichtung eines Totholzrechens am Übergang des Hagenbachs von der Klamm ins Siedlungsgebiet von St. Andrä-Wördern unerlässlich ist. Zuletzt war im Herbst 2016 versprochen worden, diese Maßnahme zusammen mit der Planung für die „lineare Variante“ der Hochwasserschutzmaßnahmen einzureichen. In den uns vorliegenden Einreichungsunterlagen kommt allerdings kein Totholzrechen vor.

Mit Blick auf die unterschiedlichen rechtlichen Zuständigkeiten – der Rechen würde zum Bereich der Wildbach- und Lawinenverbauung gehören, die „linearen Maßnahmen“ zur Wasserbauabteilung des Landes NÖ – mag man noch hinnehmen, dass die Totholzsperre als nicht zu den Einreichunterlagen des „Hochwasserkanals“ im Siedlungsgebiet gehörend betrachtet wird. Auch wenn unserer Meinung nach der überfällige Hochwasserschutz als Gesamtprojekt zu betrachten wäre. Allerdings taucht der Rechen derzeit überhaupt nicht mehr auf – womit sich die Frage stellt, wann/wo/wie dieser wesentliche Punkt eines wirkungsvollen Hochwasserschutzes realisiert werden soll!?

Die Initiative Hagenbach hat daher in einem offenen Brief/einer Erinnerung (hier nachzulesen) an die Gemeinde angesichts der am 31. März 2017 erfolgenden Beschlussfassung über den Nachtrags-Voranschlag zum Gemeindebudget die Bereitstellung der erforderlichen Mittel urgiert, um unverzüglich die Errichtung des Totholzrechens in die Wege zu leiten. Wenn er ohnedies nicht zum eingereichten Projekt gehören sollte, steht einer sofortigen Umsetzung nichts im Wege …

Nachhilfe vom Lebensministerium: „Praxisleitfaden Wildholz“

Welche Bedeutung der sachgerechte Umgang mit Tot- bzw. Wildholz bei Hochwasser hat, weist der „Praxisleitfaden Wildholz“ des Lebensministeriums aus dem Jahr 2011 aus – hier als Dokument verlinkt.

Einige wesentliche Passagen daraus als Zitat:

„Größere Treibholzteile oder ganze Bäume (Wildholz) können zu Verklausungen bei Brücken oder Engstellen führen. Besonders ist darauf im Siedlungsgebiet zu achten. In der Folge tritt das Wasser aus dem Gerinne aus und sucht sich neue Fließwege. Kommt es zu einem schlagartigen Durchbruch, können auch Schwallerscheinungen […] auftreten und flussabwärts beträchtliche Schäden verursachen.“


Wildholz-Verklausung im Hagenbach nach einem starken, aber keineswegs katastrophalen Sommergewitter. Die aktuelle Situation zeigt die Fotoserie von Nadja Meister ... sehr viel totes Holz in unmittelbarer Bachnähe, das bei einem Starkregen zum gravierenden Problem wird.

Mit Blick auf die geplanten Maßnahmen im Siedlungsgebiet interessant:

„Dieser Problematik kann man begegnen, indem man bei Brücken größere Durchflussquerschnitte vorsieht bzw. indem man im unmittelbaren Bereich von Brücken auch einen größeren Freibord wählt. Günstig sind gewölbte Unterkonstruktionen mit höherem Brückenfreibord in der Flussmitte. […] Bei Brücken sollte getrachtet werden, dass möglichst keine Pfeiler im Abflussquerschnitt liegen, sodass bei HQ100 mindestens ein Freibord von einem Meter gegeben ist und die Widerlager die Abflussbreite maximal um 20 % einengen.“

Es ist nach wie vor offen – auch angesichts der vorliegenden Planungsunterlagen –, wie diese Vorgaben eingelöst werden sollen, speziell im Bereich der ÖBB-Querung des Hagenbachs.

Katastrophenschutzübung … „wir machen das schon“ reicht nicht

Es wird noch etliche Jahre dauern, bis vertrauenswürdiger Hochwasserschutz greift in St. Andrä/Wördern. Die BI Hagenbach hat daher schon mehrfach die Abhaltung einer einschlägigen Katastrophenschutzübung für den Hochwasserfall gefordert … die Berechtigung dafür schildert der „Praxisleitfaden Wildholz“ des Lebensministeriums:

„Eine notwendige Sofortmaßnahme im Hochwasserfall ist die ständige Überwachung der bekannten Problemstellen und im Falle einer Schwemmholzfracht der Einsatz von Baggern.“

Bei allem Vertrauen in unsere Freiwillige Feuerwehr – im Ernstfall sollte ohne jegliche zielgerichtete Übung für eine derart komplexe Katastrophenlage binnen sehr weniger Stunden effizient bewältigt werden? Zum Beispiel durch sachgerechten Umgang mit Totholzstau, Koordination mit Baufahrzeugen, Errichtung von Sandsacksperren und dergl. mehr!? Schwer vorstellbar … und angesichts der Jahre, die noch ohne Hochwasserschutz ins Land gehen, sprechen wir hier nicht von Nebensächlichkeiten, sondern von selbstverständlichen Vorsorgemaßnahmen, die Gemeinde und Katastrophenschutz des Landes in die Wege zu leiten haben … jetzt.

Amtshaftung am Horizont?

Virulenter werden damit auch die Haftungsfragen, mit denen sich die Gemeinde nach einem Ernstfall konfrontiert sehen wird (hoffentlich nie eintretend, aber außer Hoffnung haben wir derzeit nicht viel …). Der „Praxisleitfaden Wildbach“ äußert sich da sehr konkret zur Frage: „Haftet die Gemeinde?“

„In Bezug auf die Wildholzprävention ist an zwei Fallgruppen von Schäden zu denken, bei denen ein Amtshaftungsanspruch in Frage kommt, nämlich:

  • Schäden, die durch die Vernachlässigung von Pflichten der Gemeinde verursacht oder zumindest begünstigt wurden (Amtshaftung wegen unterbliebener Gefahrenabwehr), und

  • Schäden, die durch Gemeindeorgane bei der Begehung oder der Räumung von Wildbächen entstanden sind.“

Die Ausrede, man hätte es ja nicht besser gewusst oder die Gefahr nicht einschätzen können, die für das bisherige Versagen der Gemeinde beim Hochwasserschutz immer wieder ins Treffen geführt wurde, wird nicht mehr gelten. Es liegt alles auf dem Tisch, mehrfach durch Studien abgesichert, urgiert und dokumentiert. Wenn weiterhin notwendige Maßnahmen – und ein Totholzrechen gehört an vordringlicher Stelle dazu – auf irgendwann verschoben werden, wider besseres Wissen, dann tritt zwischen heute und irgendwann der Haftungsfall ein.

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